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Wirklichkeitskriterien 

Wir hatten zuvor über die Unterschiede zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen gesprochen. Für George Berkeley schienen alle Ideen, auch die sinnlichen Ideen gleich zu sein. Er sprach ihnen eigenständige Merkmale ab. Doch wissen wir aus eigener Erfahrung, dass unser Gehirn sehr wohl in der Lage ist, zwischen beiden zu unterscheiden. Wie stehen die modernen Neurowissenschaften dazu? Kommen wir als Erstes zu der Frage, wie Formen, Farben und Töne überhaupt im Gehirn entstehen können. Gerhard Roth gibt dazu eine eindeutige Antwort:

 

„Wie im Gehirn die Unterscheidung zwischen Farben, Form und Bewegungen, zwischen Tonhöhe und Klangfarbe usw. zustande kommen, ist unklar.“ 

 

Es sei an Berkeley erinnert. Wir sind also in dieser Beziehung nicht weiter gekommen. Wie erkennt nun das Gehirn, ob es sich um Sinneswahrnehmungen oder Vorstellungen handelt? Gerhard Roth: 

 

„Das bedeutet, dass all das ... vom Gehirn als Vorstellung, Erinnerung oder Denken angesehen wird, was nicht aktuelle Wahrnehmung darstellt und/oder mit aktuellem Handeln verbunden ist. Diese Unterscheidung scheint sich innerhalb der kindlichen Entwicklung nur sehr langsam zu entwickeln und kleine Kinder treffen offenbar noch keine scharfe Unterscheidung zwischen tatsächlich Wahrgenommenem und bloß Vorgestelltem oder Erinnertem, zwischen Tun oder bloßes Gedachtem oder Geplantem. Aber auch dem erwachsenen Gehirn stehen keine absolut verlässlichen Unterscheidungen zwischen <Tatsächlichem> einerseits und <Vorgestelltem> oder <Halluzinationen> andererseits zur Verfügung, sondern es geht bei dieser Unterscheidung nach bestimmten anderen Kriterien vor, die noch zu schildern sein werden.“ 

 

Als Kleinkind hatten wir noch nicht zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen unterschieden. So ist auch die Aufforderung der Buddhisten zum Verzicht auf Unterscheidungen zu verstehen, um auf diesem Weg zum Anfänger-Geist zurückzukehren. Das sollte nicht allzu schwerfallen, zumal dem Erwachsenen ohnehin keine absolut verlässlichen Unterscheidungen zur Verfügung stehen. Aus den von Gerhard Roth aufgeführten Unterscheidungskriterien seien nur einige herausgegriffen. Die meisten und zugleich sichersten Kriterien beruhen dabei auf Erfahrungen, so wie es auch von George Berkeley und später von David Hume behauptet wurde. Vom Letzteren wird noch zu reden sein.

 

Heute werden syntaktische, semantische und pragmatische Kriterien unterschieden. Die syntaktischen kämen noch am ehesten ohne Vorerfahrung aus, dazu gehören zum Beispiel: Je mehr an Helligkeit, Kontrast, scharfen Konturen, Lebhaftigkeit oder Deutlichkeit gegeben ist, desto wirklicher wird das Wahrgenommene empfunden. Gleichzeitiges Wahrnehmen durch Einsatz mehrerer Sinnessysteme, zum Beispiel Sehen und Hören, steigert ebenfalls das Realitätsgefühl.

 

Die semantischen Kriterien sind allesamt von Erfahrungen abhängig, so zum Beispiel der Bedeutungsgehalt eines Ereignisses, seine Kontextstimmigkeit, seine Valenz, unsere Erwartungshaltung und andere.

 

„Ein besonders starkes pragmatisches Wirklichkeitskriterium ist die intersubjektive Bestätigung. Dinge und Geschehnisse, die von mehreren Personen bestätigt oder berichtet werden, gelten als realer als solche, die nur von einer Person berichtet werden.“ 

Auch dieses Kriterium setzt Erfahrungen voraus. Das wird nochmals von Gerhard Roth mit folgendem Satz betont:

 

„Wir sehen die Welt so, wie wir gelernt haben, dass sie sein soll. Insgesamt können wir feststellen: Das Gehirn trifft die Unterscheidungen über den Wirklichkeitscharakter erlebter Zustände aufgrund bestimmter Kriterien, von denen keines völlig verlässlich arbeitet.“

 

Dabei ist nicht zu vergessen, dass die genannten Kriterien nur bei psychisch gesunden Personen im Wachzustand zum Tragen kommen. In unseren nächtlichen Träumen zum Beispiel verlieren sie ihre Gültigkeit. Und im Fall von Geisteskrankheiten wie Psychosen, Delirien oder durch Drogen hervorgerufenen toxischen Zuständen kommt es ebenfalls zu einem Totalversagen des Gehirns, was seine Unterscheidungsfähigkeit zwischen Wahrnehmung und Vorstellung angeht. Auf das, was uns vom Gehirn als Wirklichkeit angeboten wird, ist eben nur bedingt Verlass. Für den Hausgebrauch reicht es aber unter normalen Umständen allemal. Dabei ist das, was wir für die Wirklichkeit halten, zum großen Teil das Ergebnis von Erfahrungen. Jeder von uns hat jedoch eine Vielzahl unterschiedlicher Erfahrungen. Entsprechend viele Wirklichkeiten sollten die Folge sein. In Anlehnung an Albert Camus könnte man wohl auch sagen: Es gibt keine Wirklichkeit, nur Wirklichkeiten.

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Hier der Mikro- und dort der Makrokosmos, dazwischen der Mensch mit seinem Mesokosmos, eine Erfindung des Gehirns, eine phänomenale Welt, die sich grundsätzlich von der zugrunde liegenden physikalische Natur unterscheidet. Was soll denn nun die wahre Wirklichkeit sein?

 

Wiederum ganz anders stellt sich die Wirklichkeitsfrage in den fernöstlichen Philosophien dar, wo sie selten so konkret beantwortet wurde wie von dem berühmten indischen Guru Ramana Maharshi:

 

„Nur das ist wirklich, was aus sich selbst existiert, was sich durch sich selbst enthüllt und was ewig und unwandelbar ist ... Sie können von sich sagen <<Ich existiere>>. Das heißt, Ihre Existenz ist nicht bloße Existenz, sondern eine Existenz, deren Sie sich bewusst sind ...

 

Die Welt existiert nicht aus sich selbst, noch ist sie sich ihrer Existenz bewusst ... Und was ist das Wesen dieser Welt? Ein dauernder Wandel, ein unentwegtes Fließen. Eine abhängige, sich ihrer selbst nicht bewusste, sich ständig wandelnde Welt kann nicht wirklich sein.“ 

 

Für Ramana Maharshi sind Beständigkeit und selbstbewusste Existenz Voraussetzung für Wirklichkeit. Wenn auch nicht jeder dieser Argumentation folgen mag, so sollten diese Worte doch zu denken geben. Wollten wir uns das Universum als eine Ansammlung ausschließlich lebloser Materie vorstellen, dann könnte niemand etwas von der Welt wissen, noch wäre sie sich ihrer selbst bewusst. Eine fragwürdige Wirklichkeit.