Was ist Bewusstsein? 

Kommentar zu einem Beitrag im GEO-Magazin:
Der Neurowissenschaftler Nick Chater stellte in diesem Beitrag die Behauptung auf: "Es gibt keinen Hinweis, dass ein Unterbewusstsein existiert". Nun schreibt aber der namhafte Neurobiologe Gerhard Roth Folgendes: 

„Diese Wesensfrage - was Geist, Bewusstsein und freier Wille ihrem Wesen nach sind - wird von Neurobiologen und Naturwissenschaftlern allgemein als unbeantwortbar angesehen. 

Mit anderen Worten, niemand weiß, was Bewusstsein seinem Wesen nach ist.  Wie sollte man nun etwas finden, wenn man gar nicht weiß, was man sucht? 

Das ist das Dilemma mit dem Bewusstsein. Alle reden vom Bewusstsein, aber niemand versteht es.   

Dazu erklärt Gerhard Roth:

„Die Wirklichkeit, in der ich lebe, ist damit ein Konstrukt des Gehirns.“ (Das Gehirn und seine Wirklichkeit)

Da es die gesamte Wirklichkeit betrifft, gehört natürlich auch das Gehirn selbst dazu. Dies wird offensichtlich von einem anderen Gehirn erzeugt, das uns aber verborgen bleibt (Immanuel Kants Ding an sich). Gerhard Roth gab ihm den Namen reales Gehirn, im Gegensatz zum wirklichen Gehirn, das wir kennen: ein Organ mit Milliarden von Nervenzellen. 

Über das reale Gehirn können wir nichts wissen. Dennoch dürfen wir sicher sein, dass es in der Lage ist zu lieben, zu leiden, zu bangen und zu hoffen. Da diese Eigenschaften im wirklichen Gehirn nicht anzutreffen sind, dieses besteht zu achtzig Prozent aus Wasser und Wasser kann nicht leiden, ergibt sich ein Widerspruch. 

Der Widerspruch löst sich jedoch auf, wenn wir uns nochmals den Doppelaspekt reales / wirkliches Gehirn vor Augen führen. Demnach ist das reale Gehirn als der Architekt und Erschaffer unserer Wirklichkeit - inklusive des wirklichen Gehrns - zu betrachten. Und wie der Architekt nicht in dem von ihm gebauten Haus zu finden ist, so werden wir auch dem Bewusstsein niemals in unserer Wirklichkeit begegnen. 

Deswegen konnte Ludwig Wittgenstein sagen:

„Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern ist eine Grenze der Welt.“  

Das ist auch das, was die Buddhisten uns sagen wollen: Wir sind nicht in der Welt, sondern ihre Grenze. Jede abweichende Vorstellung bezeichnen sie als Verblendung. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet es, dass das, was wir als Bewusstsein bezeichnen, nicht ein Teil unserer Wirklichkeit ist, sondern ihr Initiator. 

Aus diesem Grund ist Bewusstsein in einer dualistischen Realität nicht zu packenDie meisten Neurologen und Psychologen ignorieren dieses Problem. Dabei sind seit langem abweichende Sichtweisen bekannt. So ist im Berg-und-Fluss-Sutra zu lesen: „Wer bezweifelt, dass Berge gehen können, begreift nicht einmal sein eigenes Gehen. Das soll nicht heißen, dass er selbst nicht geht, sondern dass er sein eigenes Gehen noch nicht begriffen, noch nicht geklärt hat.“

Form ist Leerheit – Leerheit ist Form.

Diese Formel des Zen überwindet alle Gegensätze. Das wäre dann die nächste Stufe der Menschheit: das Umschalten von Dualismus auf Monismus. 

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D. Bartel - Berlin, Januar 2020

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