Selbsterkenntnis und Psychotherapie

Selbsterkenntnis und Psychotherapie verfolgen konträre Strategien. Während sich Psychotherapie mit dem Erlebten beschäftigt, geht es bei der Selbsterkenntnis ausschließlich darum, die Quelle unseres Seins, unseres bewussten Wesens zu erforschen und zu erkennen. Es wird also nicht wie in der Psychotherapie gefragt, was ist Sinn und Zweck des Lebens, woher kommen Traurigkeit, Ängste, Verzagtheit und sofort, sondern wer ist es, der nach dem Sinn des Lebens sucht, der unter Ängsten, Traurigkeit oder Verzagtheit leidet.
 

Psychotherapie bezieht sich auf das äußere Leben und dessen Einfluss auf die Psyche. Mit der Tiefenpsychologie wird das sogenannte Unbewusste einbezogen, wobei es sich zumeist um negativ besetzte Ereignisse der Vergangenheit handelt, die im Hintergrund nachwirken. Das wären Verletzungen, Kränkungen, Wünsche, Ängste und mehr. Grundvoraussetzung der Therapie ist immer das stattgehabte Leben in der Welt. Ziel ist es, seelisches Leiden zu lindern, indem versucht wird, besser geeignete  Lebensstrategien auf einem reiferen Niveau zu erarbeiten. 

Selbsterkenntnis ist dagegen eine persönliche  Angelegenheit. Die Erkenntnis über uns selbst offenbart sich ausschließlich unserem eigenen Bewusstsein. 

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit nach außen richten, sehen wir die phänomenale Welt. In dieser Wirklichkeit erscheint alles immer nur vorübergehend. Wenden wir den Blick nach innen, begegnen wir dem Selbst, unserem ewig gleichbleibenden bewussten Wesen. Es ist die einzige Konstante unseres Seins. 

Im Gegensatz zur Psychotherapie erfordert Selbsterkenntnis keine Veränderung der Lebensgewohnheiten. Derartige Anstrengungen bleiben dem nach Erkenntnis Suchenden erspart. Nichts und niemand muss sich verändern, weil wir in einem bestimmten Sinn bereits vollkommen sind. Selbsterkenntnis bedeutet, diese Vollkommenheit wiederzuentdecken.

Detelf B. Bartel - Berlin, April 2020

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