Tony Parsons - Nichts ist alles, alles ist nichts. 

Vor wenigen Tagen erhielt ich Post aus England. Tony Parsons hatte mir freundlicherweise sein Buch Nothing Being Everything geschickt. Ein wunderbares Buch. 

Nichts zu sein, ist alles zu sein, ist nichts zu sein. Diese Worte könnten diesem Leser oder jener Leserin widersprüchlich, wenn nicht gar unsinnig erscheinen. Jedenfalls entsprechen sie in keiner Weise unserer gewohnten Sicht der Dinge. Tatsächlich ist dieser Satz absolut logisch. Wieso? 

Das Logischste, was wir haben, dürfte zweifelsfrei die Mathematik sein. Was hat sie mit unserem Thema zu tun? Nun, von der Mengenlehre her wissen wir, dass bei der Zählung von Teilmengen immer auch die leere Menge mitzuzählen ist. Andernfalls kommen wir zu falschen Ergebnissen.

Das ist nicht schwer zu verstehen. So besitzt z.B. eine Menge aus zwei Zahlen-Elementen (1 und 2,) insgesamt 4 Teilmengen:  

2 Teilmengen mit einem Element: (1) und (2), dazu die Menge selbst (1, 2) sowie die leere Menge ( ). 

Zur Berechnung der Teilmengen dient die Formel: 2 hoch n. Eine Menge mit 2 Elementen (n = 2) ergibt 2 hoch 2 = 4 Teilmengen. 

Wie viele Teilmengen hat nun eine Menge mit nur einem Element (1) also n = 1? Gemäß der obigen Formel ergibt 2 hoch 1 = 2. Eine 1-elementige Menge besitzt also 2 Teilmengen, nämlich die Menge 1 und die leere Menge. 

Das Irritierende an dieser Rechnung ist die leere Menge, die Nicht-Existenz von Elementen. Obwohl das nur logisch ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass alle wissenschaftlichen Theorien auf einem dualistischen Konzept aufbauen, nämlich der Vorstellung, dass unsere phänomenale Sinneswelt die Abbildung einer zweiten, von uns unabhängigen realen Außenwelt (Immanuel Kants Ding an sich) darstellt. 

Wir erleben die Welt so, wie sie uns dank der Sinnesorgane gegeben ist, und halten diese für die einzige existierende Realität. Im Alltag und auch bei der wissenschaftlichen Arbeit mag das genügen. Für Wahrheitssuchende bedeutet diese Haltung jedoch eine Unterlassungssünde. Wer dualistisch denkt, und das tun wir anfänglich alle, muss, um vollständig zu sein, neben den Objekten unserer Sinnneswelt immer auch die zugrunde liegende Realität mitdenken. Das ist ein Gebot des Dualismus.  

Da die Realität (Kants Ding an sich) den Menschen unzugänglich ist, muss sie uns wie ein Nichts vorkommen. Alles, was wir sehen, hören, fühlen und denken, ist somit sowohl als existent als auch als nicht existent anzusehen. 

Wenn die dualistische Betrachtungsweise durchgehalten wird, dann sind alle Phänomene doppeldeutig, existent und zugleich nicht-existent. So konnte Thich Nhat Hanh sagen: „Eine Rose ist keine Rose, deswegen ist sie eine Rose. 

Sobald nach der sogenannten Erleuchtung erkannt wird, dass ursprünglich alles leer ist, dass nichts alles und alles nichts ist, oder dass Eine Rose eine Rose ist, weil sie keine Rose ist – was dasselbe ist – also nach Überwindung des Dualismus, wird die 2 zur 1.

So besitzt das Nichts, die Leerheit (n = 0 Elemente) auch nur eine Teilmenge. 2 hoch 0 = 1. 

Die 1, die Einheit, ist das Merkmal der Leerheit.


Berlin, 5.10.219 - D. Bartel


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