Können Maschinen Bewusstsein entwickeln?

Wie durch staatliche Unterstützung pseudowissenschaftlicher Projekte Steuergelder verschwendet werden. 


Wenn es um Bewusstseinsfragen geht, scheinen die Grenzen wissenschaftlicher Prinzipien des Öfteren ins Wanken zu geraten. So wurde jetzt in der Sonderausgabe 2020 von bild der wissenschaft „Werkstatt Mensch“ allen Ernstes die Frage gestellt: „Benötigt Bewusstsein einen Körper? Kann künstliche Intelligenz sogar ein eigenes Bewusstsein entwickeln?" 

Was die Definition der Künstlichen Intelligenz angeht, drückt sich der Autor Michael Vogel vorsichtig aus: „Letztlich ist Künstliche Intelligenz nichts anderes als der Versuch, die menschliche Entscheidungshilfe mittels Algorithmen nachzubilden.“ Dann folgt der Satz: „Computer sollen dadurch in die Lage versetzt werden, mehr oder minder eigenständig Probleme zu erkennen und zu lösen.“ 

Dass ein Computer in gewissen Grenzen tatsächlich in der Lage ist, Probleme zu erkennen und zu lösen, hat nun einige Menschen zu der Überzeugung verleitet, ihm intelligente Fähigkeiten und Bewusstsein anzudichten. Unter den Führsprechern scheint die abstruse Vorstellung zu herrschen, dass Intelligenz früher oder später zwangsläufig zu Bewusstsein führen muss. Obwohl allgemein bekannt ist, dass Kleinkinder mit kaum ausgebildeten intellektuellen Fähigkeiten genauso über Bewusstsein verfügen wie Erwachsene. 

Wo steckt nun die vermeintliche Intelligenz? Wie allgemein bekannt ist, vermag der Computer zwischen den beiden Zuständen „Strom fließt“ und „Strom fließt nicht“ (1 und 0) zu unterscheiden. Und hier endet auch schon seine Intelligenz. Die Prozessoren arbeiten blind die Algorithmen in rasendem Tempo ab, wobei sie mit Sicherheit nicht wissen, was ein Algorithmus ist, geschweige denn, dass sie ihn verstünden. Der Arbeitsspeicher und die Festplatten sind als Kandidaten möglicher Intelligenz unverdächtig. 

Wenn wir beim Computer überhaupt von Intelligenz reden dürfen, dann käme diese am ehesten noch dem Programm zu, wobei auch in diesem Fall die Intelligenz nicht dem Programm sondern dem Entwickler zu verdanken ist. Nun vermag aber mit Sicherheit die Software ihre Intelligenz nicht auf die Hardware zu übertragen. Wo im Computer soll sich also Bewusstsein entwickeln? 

Die Software wäre durchaus in der Lage, intelligente Lösungen selbst zu entwickeln. Aber Algorithmus bleibt Algorithmus Wie sollte sich nun ein Algorithmus seiner selbst bewusst werden? Ein Algorithmus ist vereinfacht gesagt eine Abfolge von Anweisungen, die Schritt für Schritt ausgeführt werden. Aber eine sich selbst bewusste Anweisung? Diese Vorstellung ist an Absurdität nicht zu überbieten.  

So verrückt die ganze Thematik auch sein mag, so hat sich dennoch das Bundesministerium für Bildung und Forschung entschieden, ein Projekt zu finanzieren, das den Namen trägt: „Abklärung des Verdachts aufsteigenden Bewusstseins in der künstlichen Intelligenz“! 

Es ist sicherlich nichts dagegen einzuwenden, wenn sich ein Computer-Nerd seine eigene Wirklichkeit zusammenfantasiert. Derartige Unternehmungen jedoch mit Millionen von Euros staatlich zu fördern, halte ich für eine inakzeptable Verschwendung von Steuergeldern. 

Offensichtlich ist man sich weder auf wissenschaftlicher Seite noch an höherer Stelle jederzeit über das Phänomen Bewusstsein im Klaren. Es sei an dieser Stelle auf ein Gedankenexperiment des namhaften Neurobiologen Gerhard Roth aus seinem Buch „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“  hingewiesen, mit dem er einen heroischen Selbstversuch beschreibt: Angenommen er läge bei geöffnetem Schädel auf dem Operationstisch und schaute sich sein eigenes Gehirn in einem Spiegel an, dann würde es bedeuten; „dass dieses Gehirn, das ich betrachte und als meines identifiziere, nicht das Gehirn sein kann, welches mein Wahrnehmungsbild von diesem Gehirn hervorbringt. Würde ich beide Gehirne miteinander identifizieren, so käme ich zu der Schlussfolgerung, dass mein Gehirn sich als echte Teilmenge enthält. Ich wäre nämlich dann zugleich in mir und außer mit“ Was absurd wäre. Daraus folgt nun aber, dass das betrachtende Gehirn, welches das „wirkliche Gehirn“ untersucht, von diesem verschieden sein muss. So werde ich an dem „wirklichen Gehirn“, das ich zu sehen bekomme, niemals etwas wie Bewusstsein erkennen. Egal ob ich es in kleine Stücke zerlege, ein MRT oder EEG-Ableitungen von ihm mache, nirgends werde ich Bewusstsein finden. In keinem Labor der Welt wurde jemals Bewusstsein gesichtet. Bewusstsein erkenne ich nur in mir selbst als ausschließlich subjektives Erleben. Und genau das unterscheidet mein Gehirn von dem beobachteten „wirklichen Gehirn“. Für das wirkliche Gehirn gilt immer noch das, was Gerhard Roth sagte: „Diese Wesensfrage - was Geist, Bewusstsein und freier Wille ihrem Wesen nach sind - wird von Neurobiologen und Naturwissenschaftlern allgemein als unbeantwortbar angesehen.“

Und dann fragt man sich natürlich, wie jemand einem Computer Bewusstsein zugestehen kann, wenn dies auf wissenschaftlicher Ebene nicht einmal in Bezug auf das menschliche Gehirn möglich ist.

Vor etwas mehr als hundert Jahren hatte bereits Ludwig Wittgenstein auf dieses Problem hingewiesen: 

„Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern ist eine Grenze der Welt.“ 

Untersuchen können wir nur, was "zur Welt gehört“. Das Bewusstsein gehört jedoch dem Subjekt an, deswegen können wir nach ihm suchen, soviel wir wollen, wir werden es niemals in der Welt finden. Es liegt an ihrer Grenze, und für alles, was an oder hinter der Grenze liegt, gelten Wittgensteins Worte:

„Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ 

Und was jenseits der Grenze liegt, kann auch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Erörterungen sein. Um derartige Grenzüberschreitungen zu vermeiden, sollten wir uns an Niels Bohr erinnern:

„Die Aufgabe der Wissenschaftler ist nicht herauszufinden, was die Natur ist, sondern sie zu beschreiben.“

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Berlin, Januar 2020 - D. Bartel


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