Die Wirklichkeit des Gehirns

Das Verhältnis von Wirklichkeit zur Realität bleibt ein Rätsel. Nun schreibt der namhafte Neurobiologe Gerhard Roth in seinem Buch "Das Gehirn und seine Wirklichkeit", dass schon den mittelalterlichen Philosophen bekannt war, dass

 dasjenige, was in den Sinneszentren des Gehirns ankommt, eine andere Beschaffenheit hat als die Umweltreize.“

Daraus folgt:

„Die Wahrnehmung eines Baumes ist nicht von derselben Beschaffenheit wie der Baum.“

Dieser Einschätzung dürfte die Mehrzahl der Wissenschaftler heute zustimmen. Gerhard Roth weiter:

„Der Übergang von der physikalischen und chemischen Umwelt zu den Wahrnehmungszuständen des Gehirns stellt einen radikalen Bruch dar.“ Die Komplexität der Umwelt wird 'vernichtet' durch ihre Zerlegung in Erregungszustände von Sinnesrezeptoren, aus denen das Gehirn durch komplexe Mechanismen die überlebensrelevante Komplexität der Umwelt erschließen muss.“

So kommt Gerhard Roth letztendlich zu dem Schluss:

„Die Wirklichkeit, in der ich lebe, ist damit ein Konstrukt des Gehirns.“

Mit anderen Worten: Die Welt, wie ich sie erlebe, ist mein eigenes Werk. Sich dessen bewusst zu werden, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Befreiung aus der Selbstversunkenheit.

Das mehr als tausend Jahre alte buddhistische Blumengirlanden-Sutra drückt es folgendermaßen aus:

„Wünschst du dir, alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vollkommen zu verstehen, dann solltest du erkennen, dass die Natur des gesamten Universums nur vom Geist alleine erschaffen ist.“


Detlef B. Bartel

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