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Das Absurde

 

In seinem berühmten Roman Stiller lässt Max Frisch den Titelhelden von einer wilden Fahrt durch die Wüste schwärmen:
„Wir fuhren, was unser Jeep herausholte und dabei nicht ohne jenes feierliche Bewusstsein, dass unsere Augen durchaus die Einzigen sind, die all dies sehen; ohne sie, ohne unsere sterblichen Menschenaugen, die durch diese Wüsten fuhren, gab es keine Sonne, nur eine Unsumme blinder Energie, ohne sie keinen Mond; ohne sie keine Erde, überhaupt keine Welt, kein Bewusstsein der Schöpfung.“ 

 

Große Worte in angeregter Stimmung: „ ... ohne unsere Menschenaugen keine Sonne, nur blinde Energie, überhaupt keine Welt, kein Bewusstsein der Schöpfung ...“? Offensichtlich gibt es im Leben Momente, wo sich die Wirklichkeit für einen kurzen Augenblick selbst infrage stellt und eine undeutliche Ahnung auftaucht, dass alles auch ganz anders sein könnte. Meistens messen wir dem keine besondere Bedeutung bei und kehren rasch zur Tagesordnung zurück. Bestenfalls bleibt eine blasse Erinnerung an ein mysteriöses, irgendwie absurdes Gefühl. Die gleichen Worte hätten auch dem Munde eines indischen Gurus entstammen können. Nach einer frohen Botschaft hört es sich jedenfalls nicht an.

Das Absurde hat mit den alten Religionen Indiens nichts zu tun, es entstammt der Ideenwelt des Existenzialismus, einer philosophischen Strömung zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Albert Camus meinte, damit das Innerste des Seins erkannt zu haben. So berührt er mit seiner Philosophie natürlich viele für die Meditationspraxis wichtige Fragen. Schließlich ist es allen Meditierenden ein drängendes Bedürfnis zu erfahren, welche Wirklichkeit dem Sein zugrunde liegt. Was ja auch Thema dieses Buches ist. Dabei geht es natürlich um das rätselhafte Unbekannte, dem sich Camus auf seine Art zu nähern wusste.
Wir versuchen Unbekanntes zu verstehen, indem wir Beziehungen zu schon Bekanntem herstellen. Der Sinn fernöstlicher Meditationslehren erschließt sich in dieser Hinsicht oft nicht so rasch, wie man es gerne hätte, weil nur wenig Bekanntes angeboten wird, worauf man aufbauen könnte. Natürlich geben auch Zen-Meister Antworten, allerdings in ihrer ganz eigenen Sprache, die uns häufig zu fremd erscheint, als dass sie leicht verständlich wäre. Die grundsätzlichen Fragen sind jedoch dieselben, mit denen es die abendländische Philosophie zu tun hat. Weil das auch unsere Sprache ist, sollte es doch leichter fallen, von ihr zu lernen. Albert Camus hat es so ausgedrückt:
„Alles Denken ist anthropomorph. So kann der Geist, der die Wirklichkeit verstehen will, sich erst dann zufriedengeben, wenn er sie auf Denkbegriffe zurückgeführt hat.“ 

Uns drängt sich die Absurdität als logische Konsequenz aus der Vergeblichkeit allen menschlichen Handelns angesichts des sicher zu erwartenden Todes auf. Als möglicher Ausweg bietet sich die Transzendenz, irgendein Jenseits oder ein Leben nach dem Tod an. Eine gefährliche Illusion, wie Camus meinte. 

Viele Menschen glauben ja, durch intensives Denken zu Erkenntnissen zu gelangen, die über das Beobachtete hinausreichen. Das wird von den Existenzialisten infrage gestellt. Und in der Tat dürfte es wohl keinem noch so genialen Denker gelingen, aus seinen geistigen Entwürfen mehr herauszuholen, als er zuvor hineingesteckt hatte. Albert Camus drückte seine Position mit folgenden Worten aus:  „Das Herz in mir kann ich fühlen und ich schließe daraus, dass es existiert. Damit aber hört mein Wissen auf; alles andere ist Konstruktion.“

 

Nach dem bisher Gesagten überrascht es vielleicht, dass Albert Camus sein Werk auch als Erlösungsphilosophie sah. In diesem Sinne wollte er das Absurde auch nicht als Schlussfolgerung, sondern als Ausgangspunkt verstanden wissen. Die Voraussetzung für eine mögliche Rettung war seiner Meinung nach, die Absurdität als solche erst einmal zu erkennen. Dann würde der Mensch die erforderliche Kraft entwickeln, die Herausforderungen der leidvollen Realität anzunehmen. Man müsse ihr nur mutig die Stirn bieten. Ohnehin könne sich niemand vor seinem Schicksal wegducken. Angst und Verzagtheit sind fehl am Platz. Ein kämpferischer Geist ist gefragt. Fluchtwege sind immer gefährliche Irrwege. Dazu gehören, wie schon angedeutet, Philosophien und Religionen. Der absurde Mensch müsse seine Sinnsuche auf das reale Leben richten, auf den Augenblick, auf die unmittelbar gegebenen Tatsachen. Die Praxis gewinnt Priorität gegenüber der Theorie. Nur so können wir vermeiden, irgendwelchen illusionären Ideen oder Spekulationen auf den Leim zu gehen.

Im Vergleich zu einer derart strapaziösen Erlösungsphilosophie sollte die konventionelle Meditationspraxis einem entspannten Spaziergang gleichen. Allerdings würden die meisten Leserinnen und Leser, die schon längere Zeit dabei sind, dem wohl kaum zustimmen. Jeder kennt die langen drögen Phasen des Meditierens, wo rein gar nichts passiert, Wochen, Monate oder auch Jahre des scheinbaren Stillstandes (was immer ein Irrtum ist). Fragen und Zweifel an der Sinnhaftigkeit tauchen auf. Aber dann geht es doch irgendwie weiter. Man könnte meinen, in jedem von uns steckte neben all unseren Schwächen und Zweifeln ein kleiner Ikarus, ein unbeirrbarer Himmelsstürmer, der trotz aller Fehlschläge nie aufgibt, immer weiter macht. Weiter machen muss, auch unter der Gefahr, sich die Flügel zu versengen. Und in der Tat sind ja alle, die meditierend unterwegs sind, in einem gewissen Sinne auch Himmelsstürmer.



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